Rauhnächte als Metaphern

Das Interesse für Rauhnächte ist riesig, viele Menschen interessieren sich für die Tage zwischen den Jahren. Aber was sind sie genau, die Rauhnächte? Und wie können wir sie weise nutzen?

Ein Text von Steffi Grube

In diesem Artikel versuche ich ein paar Themen rund um die Rauhnächte aufzunehmen: Was sind Rauhnächte? Was sind aber vielleicht auch Probleme, die wir adressieren können, wenn wir die Nächte nutzen? Sozusagen, damit wir nicht in Fallen tappen 😉

Anfangen möchte ich mit dem großen Interesse. Denn das macht ja was mit uns. Es gibt ein Interesse, sich mehr mit sich selbst zu beschäftigen. Das war in diesem Jahr schon klar, als sich immer mehr Menschen für Samhain als für Halloween interessiert haben.

Die großen beiden Themen der Rauhnächte, Reflexion und Einladen, sind allgemeine Topoi. Wir können in sie hinein setzen, was wir gerne hätten, was wir in ihnen sehen. Viele Menschen sind heute genau auf der Suche nach diesen beiden Themen: Reflexion und das damit verbundene Loslassen ist herzlich willkommen in einer Welt, in der sich viele von uns zu voll fühlen. Überfüllt von Rollen & Aufgaben, sich Sorgen machen, wie es wohl weiter geht.

Dazu kommt, dass wir die Idee haben: mehr ist mehr. Wenn wir mehr Geld brauchen, müssen wir mehr arbeiten. Wenn wir schon irgendwo ganz zufrieden sind, geht aber noch mehr. Wir können nicht aufhören, an Wachstum zu denken. Weiter.

Wir sind so aufgewachsen und vieles von dem, mit dem wir aufgewachsen sind, schützt uns zum einen und lässt uns ein Teil dieser Gesellschaft sein. Wir Menschen möchten dazu gehören.

Jetzt ist es aber so, dass dieses MEHR uns oft auch zu voll zurück lässt. Als hätte man eben zu viel gegessen. Es passt nichts mehr rein und gut fühlt man sich auch nicht mehr. Und dann ist es auch nicht mehr akzeptabel, wenn der Kopf immer noch mehr will – weil wir merken: es passt einfach nichts mehr rein.

Das zweite Thema, das Einladen, trifft uns auch sehr in unserem modernen Herzen: Denn wir wollen Dinge haben, möglich machen, sie bekommen. Viele von uns sind aufgewachsen mit der Ur-These des US-amerikanischen Traums: You can do & be everything. No dream is too big, Everything is figureoutable.

Daher lieben viele von uns Bücher und Kurse über das Manisfestieren. Wie geht das? Ah ok, das lerne ich. Dann kann ich alles sein und alles tun.

An diesen Beispielen wird deutlich, warum die Rauhnächte so populär werden konnten. Sie erlauben uns, diesem Mehr und Zu Voll Sein einen Riegel vorzuschieben und uns auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist.

Wir können die Rauhnächte auf eine intelligente Weise nutzen, um mit ihnen mehr Klarheit zu erlangen und in bewusstem Rahmen zu wachsen.

ÜBER DIE RAUHNÄCHTE:

  • die Nächte “zwischen den Jahren”
  • die 12 Nächte & 11 Tage schließen die Lücke zwischen dem Mond- und dem Sonnenkalendar
  • ca. zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar
  • manche beginnen beim 21. Dezember, Tag der Wintersonnenwende
  • Fokus liegt dabei auf den Nächten
  • tagsüber soll es ein Tor zwischen den Welten geben mit “Botschaften aus der geistigen Welt”
  • daher spielen die Träume der letzten Nacht eine große Rolle
  • der darauffolgende Tag gehört noch zur “Rauhnacht”

WAS PASSIERT IN DEN RAUHNÄCHTEN?

  • jede Nacht zwischen den Jahren steht für einen Monat
  • dieser Monat bezieht sich sowohl auf das vergangene wie auch auf das kommende Jahr
  • Daher kommen die beiden Grundbegriffe “Reflexion” (Bezug auf den vergangenen Monat) und “Manifestation” (Bezug auf den kommenden Monat
  • am Ende steht ein Neubeginn

RITUALE

Jetzt beginnt natürlich eine Menge von Ideen & alten und weniger alten Rituale, wie mensch diese Nächte (und Tage) nutzen kann. Ich möchte hier nicht alle aufzählen, aber ein paar der bekanntesten nennen:

Räuchern, Tarot-Karten legen, Traum-Tagebuch schreiben, Journaln, Wünsche notieren, Kerzen anzünden, etwas verbrennen, Atemübungen, Meditation etc.

Auch hier können wir die beiden Kategorien wiederfinden, die ich zum Beginn dieses Textes genannt habe: Reflektieren (um etwas gehen zu lassen) & einladen (um etwas Neues ins Leben zu rufen). Die meisten der Rituale sind gut für beide Kategorien nutzbar.

REFLEKTIEREN

So kann das Räuchern dafür stehen, etwas Altes aus dem Fenster zu räuchern. Hier hilft uns natürlich unsere Vorstellungskraft: Altes raus – und wir können in unserem Kopf ganz konkrete Dinge oder Personen haben, die wir im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Fenster schmeißen – und damit hoffentlich aus unserem Leben.

Denn unser Leben besteht in vielen Bereichen aus unseren Gedanken – und hier wird “die Verbindung zu einer geistigen, anderen Welt”, die den Rauhnächten zugeschrieben wird, ganz praktisch.

Meine Gedanken kreieren meine eigene Welt.

Und wenn ich mich mehr auf mich konzentriere, auf das, was meine Gedanken sind, sehe ich, was die Bausteine meiner realen Welt sind. Ich sehe Glaubenssätze und Philosophien, ich sehe Erinnerungen und mich prägende Erfahrungen. Dinge, die mir passiert sind in der Vergangenheit – und die auf mich heute immer noch einen Einfluss haben.

Wenn ich da etwas finde, was mir nicht mehr hilft – warum nicht zumindest schon einmal symbolisch diese Gedanken vor die Türe oder vor das Fenster setzen?

Genau so verhält es sich aber auch mit anderen Menschen, von denen ich vielleicht denke, sie gehören zu mir oder meinem engeren Umfeld. Beschäftige ich mich mit diesen Beziehungen, schaffe ich es, klar hinzusehen, stelle ich bei der dein oder anderen Beziehung vielleicht fest, dass die gar nicht so gut zu mir passt. Dass sie mir gar nicht so gut tut, wie ich vielleicht unreflektiert dachte,

Reflexion kann mich also dazu bringen, meine Gedanken und meine Beziehungen zu hinterfragen. Und klar, wenn ich die aus dem Fenster räucher, dann hat sich extern sehr wahrscheinlich noch nichts verändert. Aber meine Einstellung innerlich schon. Das Räuchern kann also ein Symbols sein, eine Metapher, für ein Ausmisten des Inneren.

Ändert sich dadurch zwangsläufig etwas? Nein. Es kann sein, dass sich meine Einstellung ändert und dann aber setze ich Dinge nicht in die Tat um. Ich trennen mich doch nicht von einer Beziehung, die mir nicht entspricht. Ich handle doch noch nach dem Glaubenssatz, den ich eigentlich als passé abgetan habe. Das eine bedeutet nicht automatisch das andere. Denn das innerliche Aufräumen ist nicht gleich das äußere Handeln. Du bestimmst, wie viel du mitnimmst nach dem 6. Januar in die reale Welt. Wenn die Tore wieder zu sind 🙂

Ähnlich verhält es sich mit dem Aufschreiben von Dingen, die du gehen lassen möchtest, du könntest etwas aufschreiben und symbolisch verbrennen. Oder verbuddeln. Oder das Klo herunter spülen (einen ganz kleinen Mini-Zettel natürlich).

Genau die gleiche Art der Reflexion können Tarot-Karten bieten: Du legst dir Tarot-Karten in der ersten Rauhnacht für die den vergangenen Januar. die Karten können deine Gedanken in eine andere Richtung lenken, auf die du alleine vielleicht nicht gekommen wärst. Mithilfe der Karten schaust du eventuell aus einem anderen Blickwinkel auf deinen vergangenen Januar. Du erkennst Muster, Strukturen, Gedanken, Glaubenssätze – wählst, was von dem dich nicht unterstützt hat. Und könntest das Gewählte gehen lassen, indem du die Karte zurück in den Kartenstapel steckst.

WIE REFLEKTIERE ICH?

Die Möglichkeiten auch hier sind endlos. Du könntest dich hinsetzen oder auch bequem hinlegen und 15 Minuten lang einen Monat einfach im Kopf durchgehen. Was ist aus dem Monat hängen geblieben? Wie hast du dich gefühlt? Kannst du sogar etwas körperlich wahrnehmen?

Das kannst du mit einem Monat machen (Rauhnacht für Rauhnacht) – oder auch mit dem kompletten Jahr. Was ist von 2021 hängen geblieben?

Daraus könntest du aber auch eine Journaling-Übung machen. Anstatt zu sitzen und zu liegen und in deinem Kopf zu reflektieren kannst du auch für 15 Minuten alles aufschreiben, was dir dazu einfällt.

Anstatt aufzuschreiben könntest du auch etwas malen.

Etwas, das ich immer empfehle, weil ich selbst damit super gut gefahren bin bisher, ist, mir Zeit zu nehmen, meine eigenen Notizen aus dem Jahr durchzulesen. Meine Einträge in Kalendar ebenso wie Journaling-Einträge oder random Dinge, die ich aufgeschrieben habe. auch hier könntest du wieder nach einzelnen Monaten gehen oder das Jahr als Ganzes nehmen (je nachdem, wie viel du so schreibst, könnte das eine Menge sein… ;)) ES LOHNT SICH. Das kann ich dir versprechen.

ACHTUNG SPIRITUAL BYPASSING

Spiritual Bypassing beschreibt den Versuch, etwas sehr stark abzukürzen und dann so zu tun, als wäre man den ganzen Weg gegangen. Bei dem Thema Reflektion wäre das, wenn du deine innere und äußere Welt vermischt, wenn du dir also “vormachen” würdest, dass es reicht, etwas auszuräuchern – und das wars’s. Als gäbe es den Anteil nicht, das was du ausgeräuchert hast auch in dein reales Leben zu bringen.

Hier betone ich immer wieder, dass der Begriff des Loslassens AKTIV ist. Es handelt sich leider um keinen passiven Prozess. Er erfordert eben eine Handlung von dir, die mehr ist als Karten legen und/oder räuschen und/oder aufschreiben.

Es ist der erste Schritt – aber dann muss auch eine Handlung folgen.

Beispiel: Du kannst viel darüber reden, dass du mit dem Rauchen aufhören willst. Du kannst deine Angewohnheit jeden Abend aus der Wohnung Räuchern, dir immer wieder aufschreiben, dass du aufhören willst zu rauchen – aber bis du e dann auch wirklich sein lässt, bist du immer noch Raucher*in. Erst, wenn du es in die Tat umgesetzt hast, ist die Veränderung in der realen Welt.

Einladen

Der zweite Bereich der Rauhnächte, das Einladen von dem, was kommen soll, ist mit sehr viel Wohoo heute verbunden. Da gibt es das große Wort Manifestation, das oft genannt wird und einlädt zu denken, dass Manifestation eine Praxis ist, die nur gelernt werden muss – und schon ist alles möglich.

Für mich steckt darin viel von dem, was ich schon eingangs beschrieben habe als “mehr ist mehr”. Wenn ich lerne, wie manifestieren funktioniert, kann ich mir alles wünschen, was ich möchte.

Aber die viel tiefgreifendere Frage dahinter ist: Was wünschst du dir denn?

Und dahinter steht eine noch viel größere Frage: Was ist für dich wirklich wichtig?

Denn in dem ganzen mehr und viel in dieser Welt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir erst einmal verloren gehen. Unter gehen in dem ganzen Wollen und Haben wollen. Nehmen wir mal so ein Phänomen wie den Black Friday – selbst wenn du nur bedingt dich für Konsum interessierst wirst du erschlagen mit all den Angeboten. Du musst wissen, was für dich wichtig ist, um eine Auswahl treffen zu können.

Genau so verhält es sich mit unserem Leben: Ich muss eine Richtung einschlagen, wenn ich irgendwo ankommen will. Klar kann ich auch mal keine Richtung haben. Aber dann fehlt mir die Orientierung, Wie in einem meiner Lieblingszitate aus Alice im Wunderland von Lewis Carrol:

Alice asks the Cheshire Cat: “Would you tell me, please, which way I ought to go from here?”
“That depends a good deal on where you want to get to,” said the Cat.
“I don’t much care where—” said Alice.
“Then it doesn’t matter which way you go,” said the Cat.

Etwas einladen heißt also in erster Linie: Wissen, was du willst. Und das ist schon ein guter Deal an Arbeit. Frei nach “die Geister, die ich rief” kannst du hier nämlich dir ein paar Dinge wünschen, die du später verfluchst.

Ein großes Haus zum Beispiel kann auch heißen einen Kredit aufzunehmen, der dich auf längere Zeit belastet oder dir bestimmte Freiheiten nimmt.

Einen neuen Job einladen kann heißen auf einmal sehr viel mehr Zeit oder Verantwortung zu tragen (oder beides) als du dachtest.

Wähle also weise!! Und der erste Schritt, die Reflexion, ist unerlässlich für den zweiten Schritt, das Einladen. Nur so kannst du erkennen, wenn ein alter Glaubenssatz den Ton angibt und du dir nur etwas wünschst, um dein Ego zu boostern, deinen Ex-Freund oder deine Eltern zu beeindrucken.

ACHTUNG SPIRITUAL BYPASSING MANIFESTATION

Hierin versteckt sich der us-amerikanische Traum: You can do anything! Aber ist das wirklich so? Ich denke nicht.

  • Vieles in unserer Gesellschaft ist nicht fair bzw fair verteilt – achte darauf, wo du privilegiert bist und setz dich ein für andere, die es nicht sind
  • Du bist nicht für alles verantwortlich, was dir passiert: Täter-Opfer-Umkehr bzw -Vermischung
  • Die meisten erfolgreichen Unternehmer*innen kommen aus einer Unternehmensfamilie oder hatten viel Geld
  • Du kannst und solltest jederzeit auf Missstände aufmerksam machen und nicht denken, dass dich das nur stärker macht

Es ist also ok, sich über Benachteiligungen zu beschweren und sie zu melden – nicht alles liegt in deiner Hand!

Aber wenn es darum geht, für dein Leben mehr Klarheit zu generieren, kannst du in dem Rahmen Dinge einladen, die dein Unterbewusstsein glaubt und unterstützt.

Wenn dein Unterbewusstsein dir nicht glaubt – Bad News, dann wird es schwierig sein, etwas zu manifestieren, oder, um es mit meinen Worten zu sagen: etwas einzuladen. Aber, und hier ist die Good News: Alles was du dir wünschst und einladen möchtest ist im Kleinsten schon in dir. Beginn dort und steiger dich so.

Du denkst, jetzt bin ich doch abgerutscht ins Wohoo-Business. Ich meine es aber wirklich ganz praktisch: Wenn du dir mehr von etwas wünschst, schau dir die Einatmung an. Schau sie dir so genau an, dass du merkst, wie sich die Lungen und dein Bauch füllen. Das ist mehr. Das ist die Fülle, die du dir in einem anderen Bereich wünschst, sei es Gesundheit, mehr Wohnraum, eine Familie, Geld. Die Fülle ist im Kleinen schon da. Auch das Prinzip der Fülle. Kannst du versuchen, das zu spüren und diese Fülle auch zuzulassen.

Wir sind immer mehr als nur unsere Gedanken oder nur unser Körper. Wir sind ein Netz aus Körper, Geist und Atem. Und wenn wir in einem Bereich mehr haben möchten, können wir uns einen dieser Teile genauer anschauen.

Genau das Gleiche könnten wir auch mit der Ausatmung machen und dem “weniger” – was passiert bei der Ausatmung? Wie fühlt sich dieser Prozess an?

Diese Übungen sind alles andere als einfach! Sie benötigen Praxis. Aber das benötigen alle diese Rituale der Rauhnächte. Sie einfach so in den Raum zu werfen – no big deal! Sie aber wirklich mit Beobachtung und Aufmerksamkeit zu füllen: very Big DEAL!

Was für mich die Rauhnächte bedeuten:

Ein paar meiner eigenen Gedanken hier zum Abschluss. Ich glaube, eine Grundüberlegung, die hinter allem steckt, ist mehr Klarheit zu bekommen. Klarheit darüber, was passier ist. Und Klarheit darüber, wo es hingehen soll. Unsere Möglichkeiten sind riesig – aber das heißt nur umso mehr, dass wir Orientierung brauchen. Die Rauhnächte geben uns die Erlaubnis, uns auf diese Klarheit konzentrieren zu können. Alte Bräuche sind ja auch gut dafür nutzbar, Grenzen zu ziehen (“nee, hab keine Zeit, Rauhnächte… Du weißt schon”) und sich über die eigenen Gedanken zu legen, um sie beobachten zu können.

Rauhnächte bedeuten, dir zuzuhören. Endlich mal die offizielle Erlaubnis zu haben, die Stop-Taste zu drücken.

Alle Angebote zu Rauhnächten 2021/2022 findest du HIER